Person in orange Jacke geht an einer rissigen weißen Betonkante entlang; Wald im Hintergrund, im alten Eiskanal.© TTG/ISabela Pacini

Zu Fuß im alten Eiskanal

Lost Place im Thüringer Wald: Bei Friedrichroda lässt sich auf einer Wanderung eine verfallene Bobbahn entdecken. Mit etwas Fantasie hört man fast sogar noch das Knirschen der Kufen auf dem Eis …

Fotos: Isabela Pacini Text: Finn Martens

Manche Geschichten lassen sich am besten von ihrem Ende aus erzählen, was in diesem Fall bedeutet: von dem Augenblick an, an dem Nancy, Aileen und Selina die Teller mit den Tortenstücken an den Tisch bringen. Käsesahne, Blaubeerjoghurttorte und Schwarzwälder Kirsch waren schon den kompletten Tag über immer wieder mal Thema: „Ach, da freue ich mich schon drauf“, „Mensch, ich hab schon richtig Hunger“ – was man halt so sagt, wenn man an einem Sonntag im Thüringer Wald wandert mit der Aussicht auf eine gemütliche Einkehr am Ende der Strecke. Die Tortenstücke im Café Waldschlösschen sind tatsächlich gewaltig. Beziehungsweise: Sie haben exakt die richtige Größe nach dieser Hoch-und-runter-Tour bei Friedrichroda. 7,2 Kilometer ist der Naturpark-Weg Kühles Tal offiziell lang, heute aber waren es deutlich mehr. Weil die Gruppe noch einen langen Zusatzschlenker draufgepackt hat. Auf einer alten Bobbahn, deren oberer Teil seit Anfang der Achtzigerjahre nicht mehr benutzt wird. Und die von der Natur nun allmählich zurückerobert wird. 

Luftaufnahme eines stillgelegten Eiskanals aus Beton in Wald und Wiese; Wanderer gehen die kurvige Anlage entlang© TTG/Isabela Pacini
Lange Kehren: Früher sausten hier Bobs hinunter. Wanderer sind deutlich langsamer
Wanderer auf einem Pfad im Thüringer Wald, umgeben von grünen Bäumen und Vegetation, mit einem Aussichtsturm im Hintergrund.© TTG/Isabela Pacini
Im Gänsemarsch: Wanderer bei Friedrichroda
Waldszene mit dichtem Nadelbestand, kleinem Wasserfall in mossigem Felsbett; Person in orangefarbener Jacke steht am Ufer.© TTG/Isabela Pacini
Thüringer Waldidyll: Ein Wasserfall am Wanderweg
Verlassene Holzhütte mit zerbrochenen Fenstern, rostigem Steg; Gruppe Wanderer im Wald am ehemaligen Eiskanal.© TTG/Isabela Pacini
Stiller Verfall: Das ehemalige Starthäuschen

Beim Begriff „Lost Places“ denkt man an verlassene Fabrikhallen, leer stehende Villen oder historische Hotelgebäude, die seit Jahr­zehnten vor sich hin bröseln und bröckeln. Aber eine Bob­bahn? Seit Anfang der Achtzigerjahre ist niemand mehr über den oberen Teil der 2.450 Meter langen Strecke talwärts gerast. 

Farne, Moos, Äste: Die alte Fahrrinne ist völlig zugewachsen

Auf den ersten 100, 200 Metern ist die Fahrrinne mittlerweile derart von Erde bedeckt und von Farnen zugewuchert, dass sie wie ein Wanderweg anmutet. Büsche und Äste ragen von den Seiten hinein, an manchen Stellen sind die Betonwände kaum noch als solche zu erkennen, weil sie komplett bemoost sind. Trotzdem fällt es nicht schwer, sich in die Zeit zurückzuversetzen, als hier noch Bobs Richtung Ziel schlitterten. Wenn man die Augen schließt, kann man den Jubel der Zuschauer manchmal noch hören und das Kratzen der Kufen auf dem Eis. Es fehlt nicht viel und man möchte aus dem Weg springen. 

Die Spießbergbahn ist eine der ältesten Bob- und Rennschlittenbahnen Deutschlands und eine der wenigen Natureisbahnen Europas. Der untere Teil wird nach wie vor genutzt (wenn der Winter kalt genug ist). Der obere Teil, der gleich unter dem Spießberghaus beginnt, verfällt allmählich. Wo früher die Bobs mit über 100 Stundenkilometern dem Ziel entgegen­sausten, können Wanderer nun mit fünf Stundenkilometern gemütlich in Richtung Kaffee und Kuchen laufen. Übrigens auch vorbei an den historischen Starterhäuschen und einem weiteren, an dem früher die Zwischenzeiten gestoppt wurden. Sie sehen alle aus, als wären sie froh, dass der Wind im Wald nicht so heftig weht. 

Blick auf einen schmalen Weg im Wald, umgeben von Bäumen und grüner Vegetation, mit mehreren Wanderern.© TTG/Isabela Pacini
Auf der Zielgeraden: Die letzten Meter der Spießbergbahn

Wer hier an diesem Sonntag wandert? Mitglieder des Bob- und Rodelclubs 05 Friedrichroda (BRC 05) haben sich verabredet, um sich den Zustand der alten Bahn anzusehen. Mario Dietsch etwa, der den Vereinsnachwuchs trainiert. Die Sechs-bis Neunjährigen üben im Sommer mit Asphaltschlitten auf der Straße und fahren im Winter auf dem unteren Abschnitt der Spießbergbahn. Die Jugendarbeit gilt bundesweit als vorbildlich, Sportlerinnen und Sportler des BRC 05 haben bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nachwuchsprobleme habe der Verein keine, meint Dietsch, dafür viele berühmte Vorbilder für die Kleinen. Er erzählt das, während er an der Spitze der Wandergruppe nach unten marschiert. Doch die Akustik ist wegen der hochgezogenen Wände in den Kurven so gut, dass sich seine Worte selbst 100 Meter weiter oben gut verstehen lassen. 

Das erste Bobrennen in Friedrichroda gab es bereits im Winter 1901

Der Textilhändler Carl Benzing hatte die Idee in der Heimat seiner Schweizer Frau aufgeschnappt. Zu Hause ließ er sich den ersten Bob Thüringens bauen und raste mit dem über einen vereisten Forstweg vom Spießberghaus hinab in die Stadt. 1909 gestat­tete dann Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, selbst ein Wintersportfan, den Bau einer regulären Bobbahn. Als sie eingeweiht wurde, war Friedrichroda zur Wiege des deutschen Bobsports geworden. Doch, doch, meint Jugendtrainer Mario Dietsch: Es gebe hier schon eine Tradition. „Skifahrer galten in Friedrichroda als Exoten. Mit Schlitten oder Bob dagegen ist bei uns eigentlich jeder mal gefahren.“ 

Das Ziel heute: Das Café Waldschlösschen mit seinen Torten 

Gehen Bobfahrer eigentlich oft wandern? Die Frage liegt zwischen zwei Gabeln Schwarzwälder Kirsch irgendwie auf der Hand. Ziemlich oft, sagt Mario Dietsch, im Winter eigentlich sogar täglich. Schließlich müsse man ja irgendwie wieder durch den Wald nach oben, wenn man am Ende der Bahn angekommen sei. Und zwar nach jeder Fahrt. „Zum Bobfahren gehört das Wandern automatisch dazu!“

Mehr zum Thema

Mehr über Wandern in Friedrichroda erfahren Sie hier:
friedrichroda.de

Lost Places in Thüringen

Sophienheilstätte

Riesig, düster, faszinierend: Die ehemalige Heilstätte für Schwindsüchtige bei Bad Berka steht seit 1992 leer – und kann bei Führungen und besonderen Veranstaltungen erkundet werden. Sie ist Deutschlands größter Fachwerkbau.
sophienheilstaette.com

Bunkermuseum
Der ehemalige DDR-Führungsbunker, perfekt getarnt am Rennsteig, kann besichtigt und bei Übernachtungen auch „erlebt“ werden.
bunkermuseum-frauenwald.de

Oertelsbruch
Ein verlassenes Dorf im Thüringer Wald: Wo früher Schiefer abgebaut wurde und die Arbeiter wohnten, gibt es heute Führungen.
schiefer-denkmal-lehesten.de

Maxhütte
Monumentales Technikdenkmal und Fotomotiv: die Gasmaschinenzentrale der stillgelegten Maxhütte Unterwellenborn.
gmzuborn.com