Landschaft am Park an der Ilm: Schäfer auf grünem Feld mit Schafen, zwei Pferden; weißes Haus mit Dach und umliegende Bäume.
Park an der Ilm

Lebendiges Museum

Der Park an der Ilm in Weimar ist ein einzig­artiges Denkmal und ein toller Freizeitort. Für seinen Erhalt gehen die Gartenexperten der Klassik Stiftung Weimar auch kreative Wege

Fotos: Gregor Lengler Text: Christiane Würtenberger

Die Schafe rasen vor Goethes Gartenhaus über den Weg. Schnurstracks wollen sie auf die andere Wiese. Sie blöken lauthals und schubsen sich. Die Aufregung ist groß. Schließlich stehen dort drüben noch die würzigen Kräuter und der leckere Klee, die auf dem Terrain von heute Morgen längst weggefuttert sind. Erst als alle etwa 300 Schafe und die Handvoll Ziegen drüben sind und friedlich Grünzeug zupfen, kehrt eine gefräßige Stille ein. Schäfer Ekkehard Matthey schließt den mobilen Zaun und lächelt. Jetzt ist es Zeit, die Wassertröge mit dem Traktor heranzukarren. Wir sind im Park an der Ilm in Weimar – einem der schönsten und bedeutendsten Landschaftsgärten Deutschlands. Er ist die grüne Lunge Weimars – ein Ort zum Staunen, zum Flanieren, zum Entspannen und Joggengehen. Mit zehn weiteren Denkmälern in der Kulturstadt gehört der Park zum UNESCO-Welterbe Klassisches Weimar. 

Parklandschaft bei Weimar: Weißes Gebäude am Waldrand, zwei Personen gehen auf einem Pfad, grüne Wiese, Bäume, blauer Himmel.© TTG/Gregor Lengler
Auf Umwegen: Geschwungene Pfade sorgen im Landschaftsgarten dafür, dass man sich Stück für Stück dem nächsten schönen Ziel nähert
Sonnenblumen im Park an der Ilm; hohe grüne Pflanzen, Bäume im Hintergrund, blauer Himmel.© TTG/Gregor Lengler
Eine Art Blühstreifen: Am Römischen Haus gibt’s wie früher jahreszeitlich bepflanzte Blumenrabatten
Frau steht neben einem weißen Arbeitsfahrzeug mit Gitteraufsatz, hält zwei lange Rechen über die Schulter und eine rote Schüssel; Parklandschaft an der Ilm.© TTG/Gregor Lengler
Denkmal­pflege: Gärtnerin Bianka Risch ist ganz leise mit einem elektrischen Fahrzeug im Park unterwegs

Leichtfüßige Gärtner, die auch gleich alles düngen 

Und jedes Jahr im Frühling oder Spätsommer freuen sich Einheimische wie Gäste über ein besonderes Bild: Schafe ziehen friedlich über die Wiesen an der Ilm. Sie dürfen etwa zwei Wochen lang als Rasenpfleger alles kurz fressen. Das erspart eine Mahd mit Maschinen. Radler, Joggerinnen und Spaziergänger stoppen dann natürlich und machen Fotos. Schafe im Welterbe-Park, das ist ungewöhnlich. „Gar nicht so sehr“, sagt Andreas Pahl, Gartenreferent der Klassik Stiftung Weimar. „Die gab es hier auch schon zu Goethes Zeiten.“

Weimar ist eigentlich ein Park, in welchem eine Stadt liegt.

Adolf Stahr, Schriftsteller, 1871

Der Experte ist mit uns im Park an der Ilm unterwegs. Er zeigt uns, wie ein solches lebendiges Museum gepflegt wird. „Unsere natürlichen Rasen­mäher sehen nicht nur gut aus“, erzählt Pahl weiter. Sie arbeiteten auch nachhaltig. Denn schwere Mähmaschinen verdichten den Boden, während die Wiederkäuer alles leichtfüßig erledigen und die Wiesen gleich noch düngen. Die Beweidung ist zudem typisch für Landschaftsgärten aus dem 18. und 19. Jahr­hundert, die ja eine Art idealisierte Natur darstellen wollen. Und dazu passten solche Elemente einer ländlichen Idylle gut. Andreas Pahl zeigt auf die Flussaue vor uns und sagt: „Das Tal sieht nur auf den ersten Blick ganz natürlich aus. Eigentlich ist im Landschaftsgarten alles komplett durchkomponiert.“ Mit Sichtachsen und Gartenarchitekturen, mit lichten, weitläufi­gen Bereichen und romantisch oder mystisch wirkenden Winkeln. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Zwei Personen stehen auf einer Holzbrücke über einem Bach, umgeben von Bäumen, Park an der Ilm, Thüringen; Sonne blendet.© TTG/Gregor Lengler
Mann in grauer Jacke und Karohemd lehnt sich an riesigen Baumstamm im Park an der Ilm, Thüringen.© TTG/Gregor Lengler

Um das Jahr 1778 planten der junge Weimarer Herzog Carl August und sein Freund Johann Wolfgang von Goethe diesen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild. Etwa 140 verschie­dene Baum- und Gehölzarten wachsen noch heute hier. Der Park ist mit seinem naturbelassenen Ilmufer, seinen Baumriesen und Magerrasen am Hang „ein Hotspot des Artenschutzes“, erklärt Andreas Pahl. Und er steht unter Denkmalschutz. Die Aufgabe des etwa 40-köpfigen Gartenteams der Klassik Stiftung Weimar ist es nun, das alles zu erhalten und dabei ökologisch zu wirtschaften – etwa ohne Pestizide und Wassergaben im großen Stil. Nicht nur hier, sondern in allen Parks und Gärten der Klassik Stiftung. 

Alte Bäume sind Lebensraum für viele Arten

Kein einfacher Job derzeit, denn Hitze und Dürre machen dem Park an der Ilm wie vielen anderen grünen Denkmälern in Deutschland zu schaffen.

Unsere Alt­bäume zeigen immer häufiger Totholz. Und viele erreichen das biblische Alter ihrer Vorgänger nicht mehr. Gleichzeitig sind sie als Habitate wertvoll und prägen die Bildsprache des eng­lischen Landschaftsgartens.

Andreas Pahl

Mit Andreas Pahl wandern wir zu einer circa 300 Jahre alten Eiche. Sie steht unweit von Goethes Gartenhaus, direkt am Ilmtal-Radweg, der durch den Park führt. Gut möglich, dass dieser Baum schon den Promis von einst Schatten gespendet hat. Vielleicht haben sich Goethe und Schiller hier auf einen Plausch verabredet. Oder Franz Liszt ist unter diesem Baum eine Melodie in den Sinn gekommen. Damit die Eiche weiterhin Stürmen standhält, haben Baumkletterer einige schwere Äste mit Seilen gesichert. 

Sommertheater am E-Werk

Auf der Sommertheater­bühne des e-werks wird jeden Sommer open air eine Inszenierung des Deutschen Nationaltheaters Weimar (DNT) gezeigt. 2026 steht Molières „Der Menschenfeind“ auf dem Programm (Anfang Juni bis Anfang Juli). Das e-werk ist ein ehe­maliges Elektrizitätswerk, das viele Jahre experimentelle Bühne des DNT war.
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Die Klassik Stiftung Weimar versucht, alte Bäume auch in diesen heißen Zeiten so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Regelmäßig gibt es Rundgänge mit der Unteren Denkmalschutz-, der Unteren Naturschutzbehörde sowie dem Landesdenkmalamt Thüringen – man stimmt sich über bevorstehende Maßnahmen ab. Und oft gibt es da auch gar keinen Diskussionsbedarf. Beispiel alte Bäume: Sie sind doppelt wertvoll. Die Parks behalten durch sie ihr historisches Gesicht. Gleichzeitig sind die grünen Urgesteine Lebensraum für andere Spezies, wie etwa Fledermäuse und seltene Vogelarten. Wenn ein kranker Baum kein Sicherheitsrisiko darstellt, darf er daher auch im Park an der Ilm stehen bleiben. Solche für zahllose Insekten wertvolle Baumskulpturen passten optisch zum Landschaftspark, findet Andreas Pahl. Anderer­seits müssten Wege gesichert werden. Im Notfall werden Bäume gefällt, anders als etwa in einem Nationalpark. Und dann kann man sie nicht einfach durch einen beliebigen anderen Baum ersetzen. Die Gärtner pflanzen schon mal eine klimaresilientere Douglasie an die Stelle einer Fichte – beides Nadelbäume, die sich ziemlich ähnlich sehen. Aber mehr Wandel geht eben nicht. Andreas Pahl fasst es so zusammen: „Unser Ziel ist es, die Bilder, die wir heute sehen, für künftige Generationen zu erhalten.“ 

Steinerne Arkade mit Säulen, runder Brunnen im Vordergrund, Blick auf grünen Park und Baumreihen am Fluss Ilm.© TTG/Gregor Lengler
Mit Weitblick: Brunnen im östlichen Durchgang des Römischen Hauses
Schafherde grast auf einer Wiese im Park an der Ilm, Thüringen; große Laubbäume im Hintergrund.© TTG/Gregor Lengler
Fleißige Helfer: Die Schafe dürfen erst ran, wenn die Wiesen ausgeblüht haben. So wird der Artenreich­tum in dem 48 Hektar großen Park erhalten
Hohe Bäume im Park an der Ilm bei Weimar; grüne Wiesen, Weg und Wolkenhimmel.© TTG/Gregor Lengler
Willkommen im Süden: Pyramidenpappeln haben die Form von Zypressen, sind aber kälteresistenter. Sie sollen uns an Italien erinnern
Historisches zweigeschossiges Gebäude auf Felsplatte im Park an der Ilm, umliegende Bäume, Treppenzugang.© TTG/Gregor Lengler
Repräsentativ: Das Römische Haus steht wie eine antike Villa am Hang zum Ilmtal

Der Nachwuchs muss an die frische Luft

Diese Bilder faszinieren ihn. Gerne öffnet er Gästen die Augen für die einzigartigen Schönheiten hier: Wie reizvoll die Ilm in Bögen durchs Tal fließt! Und ob wir bemerkt haben, dass das hier an Italien erinnert? Man habe damals extra Pyramidenpappeln gepflanzt, die die Form toskanischer Zypressen haben, aber Kälte besser abkönnen. Kurz darauf stehen wir auf der frisch renovierten Naturbrücke über die Ilm und blicken zum Nadelöhr. Der junge Goethe ließ es als Gedenkort für eine junge Adlige anlegen, deren Suizid in der Ilm damals die Stadt bewegte. Und noch heute spürt man auf der schmalen Treppe zwischen Felsen ein Gefühl von Enge und Ausweglosigkeit.

Die Natur allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler.

Johann Wolfgang von Goethe

Es gibt viele solche Orte, an denen Natur und Kultur eng zusammenkommen. Und man versteht intuitiv, was Landschaftsgärten auch wollen: uns emotional bewegen. Unten in der Ilmaue liegt Heiterkeit in der Luft, hier am Nadelöhr dominieren melancholische Töne.

Wir spazieren durchs Nadelöhr zum Römischen Haus hinauf. Auf diesen Sommersitz zog sich Herzog Carl August oft zurück. Pahl zeigt uns die Pflanzung kleiner Blutbuchen, die zwischen anderen Gehölzen aufwachsen. Sie sind Ersatz für drei alte Blutbuchen, die der Herzog hatte pflanzen lassen, um Gästen einen eindrucksvollen Empfang zu bereiten. Die Idee ist: Ersatzbäume gleich im Park aufwachsen zu lassen, nicht in der Gärtnerei. „Die Pflanzen lernen von Anfang an, mit den realen Bedingungen hier umzugehen. Und durch die Konkurrenz mit den Beipflanzungen wachsen sie auch schnell hoch ans Licht“, sagt der Experte. Übrigens: Die alten Blutbuchen stammen aus einem Sondershäuser Forst von 1797. Und auch die Sämlinge im Park kommen von dort. Vielleicht sind es die direkten Nachfahren.

Mehr zum Thema

Über die Parks und Gärten der Stiftung und Weimar gibt es hier weitere Informationen:
klassik-stiftung.de weimar.de

Gemüse für die Bauhaus-Kantine

©Klassik Stiftung Weimar

Mangold, Beeren, Bohnen: Die Selbstversorgung durch Obst- und Gemüseanbau im eigenen Garten gehörte zu den Ideen des Bauhauses. Bereits 1920 wurde ein größeres Areal östlich des Parks an der Ilm als Nutzgarten für die Bauhaus-Kantine genutzt. Als dann 1923 das Versuchshaus Am Horn gebaut wurde, war ein vierteiliger Nutzgarten hinterm Haus Bestand­ teil der Planung. Zur 100-Jahrfeier des Bauhauses wurde er 2019 wiederhergestellt. Seitdem pflegt die Klassik Stiftung Weimar ihn.
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